Henning Mankell

Henning Mankell wurde 1948 in Schweden geboren und wuchs bei seinem Vater auf. Im Alter von 17 Jahren zog er nach Stockholm und wurde Regieassistent am Theater. 1968 begann er als Autor und Regisseur zu arbeiten. Schon als Kind träumte er davon, Afrika zu bereisen, 1972 erfüllte er sich erstmals seinen Wunsch. Bis heute verbringt er mehr als die Hälfte des Jahres in Maputo, Mosambik, die übrige Zeit in Schweden. Das Leben in Mosambik inspirierte ihn zu verschiedenen Romanen, die in Afrika spielen.

Warum ich mich schäme

Oft werde ich gefragt, was denn das größte Problem in Afrika südlich der Sahara sei, und gewöhnlich antworte ich, man solle diese Frage besser den Afrikanern stellen, nicht mir. Zudem würden die Antworten sehr unterschiedlich ausfallen, denn es wäre eine gefährliche Vereinfachung, Afrika als Ganzes, als Einheit zu begreifen. Der afrikanische Kontinent besteht aus mehr als fünfzig Ländern, und einige sind so groß wie Teile Westeuropas.

Doch das wäre eine mögliche Antwort:

Es gibt nur ein fundamentales Problem auf dem afrikanischen Kontinent und das ist die Armut. Ich kenne kein anderes grundlegendes Problem, das nicht direkt oder indirekt mit dieser Armut zu tun hat.

Ich als Schriftsteller spreche naturgemäß oft über den Fluch des Analphabetismus. Darüber, wie es sein kann, dass es noch heute, im Jahr 2009, Millionen Kinder gibt, die ihr Leben lang ohne so grundlegende Fähigkeiten wie Lesen und Schreiben auskommen müssen. Ich finde, es ist eine Schande, die uns alle betrifft – wir sehen immer noch tatenlos zu, wie sich der Analphabetismus wie eine Seuche ungehindert auf der Welt ausbreiten kann. Wir hätten diese Krankheit schon gestern besiegen können, wenn wir es gewollt hätten. Das Wissen besitzen wir, ebenso wie die nötigen finanziellen Mittel.

Es gab sogar eine Hilfsorganisation, die berechnete, was es kosten würde, alle Kinder auf der ganzen Welt in die Schule zu schicken. Es entspräche in etwa dem Betrag, den wir in Europa für Hunde- und Katzenfutter ausgeben.

Natürlich meine ich nicht, dass wir aufhören sollten, unsere Haustiere zu füttern. Ich möchte mit diesem Vergleich nur aufzeigen, wie klein die Summe ist, die wirklich nötig wäre. Geld ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass der Wille, etwas zu verändern, erbärmlich schwach ist.

Analphabetismus hat direkt etwas mit Armut zu tun. Wenn man außerdem bedenkt, dass viele junge Leute, die zu einem Leben ohne Lesen und Schreiben gezwungen sind, aus diesem Grund keinen Zugang zu Informationen haben, wissen wir, wohin das alles führt – zu der Frage nach HIV und Aids.

Ich könnte bis ans Ende meiner Tage über junge Leute – oft noch Kinder – reden, die niemals eine wirkliche Chance haben werden, sich gegen HIV zu schützen, weil sie nicht informiert werden können. Junge Menschen und Kinder, die nun tot sind.

Ganz gleich, wie oft über HIV und Aids gesprochen wird, im Radio oder bei Vorträgen – alle Medien sind selbstverständlich wichtig – es ist besonders fatal, wenn man Analphabet ist. Denn es geht nicht allein darum, dass man nicht lesen und schreiben kann; bei den meisten Analphabeten bleibt auch das Selbstwertgefühl auf der Strecke. Nicht lesen und schreiben können, bedroht die Identität des Individuums.

Manchmal habe ich Kinder, die in Maputo auf der Straße leben, gefragt, was ihr sehnlichster Wunsch ist. Die Antwort, die am häufigsten kam, mag zunächst überraschen, doch im Grunde ist klar, was sie ausdrückt: Sie wollen einen Pass, mit einem Photo, das ihnen zeigt: Ich bin ich und niemand sonst. Doch ganz oben auf der Wunschliste steht auch die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können.